Der chinesische E-Auto-Hersteller Leapmotor denkt offenbar größer: Ab 2027 soll eine neue Premiummarke an den Start gehen. Ziel ist das Segment oberhalb von 300.000 Yuan – das entspricht grob rund 38.000 Euro. Was aus deutscher Sicht eher nach gehobener Mittelklasse klingt, gilt im chinesischen Markt bereits als deutlich anspruchsvolleres Preis- und Imagesegment.
- Vom Preis-Leistungs-Anbieter zum Premium-Angreifer?
- Warum Leapmotor nach oben will
- Das Fundament: Geld, Technik und globale Ambitionen
- Internationalisierung als Imagefaktor
- Die D-Serie als Testlauf für höhere Preise
- Der schwierigste Gegner ist das Markenimage
- Premium braucht Geduld
- Trotzdem: Die Chancen sind real
- Fazit: Kein Sprung ins Ungewisse, sondern ein kalkulierter Aufstieg
Leapmotor hat sich in China in den vergangenen Jahren vom eher unauffälligen Elektroauto-Anbieter zu einem der spannendsten Newcomer entwickelt. Nun könnte der nächste strategische Schritt bevorstehen: Laut Branchenkreisen plant das Unternehmen für 2027 eine zweite Marke, die klar oberhalb der bisherigen Modellpalette positioniert werden soll. Erste Hinweise oder ein offizielles Teasing könnten demnach bereits Ende 2026 folgen.
Die neue Marke soll nicht einfach nur ein weiteres Logo auf bestehenden Leapmotor-Modellen sein. Vielmehr ist offenbar ein eigenständiger Vertriebsauftritt geplant – getrennt von den bisherigen Kanälen der Hauptmarke. Intern dürfte die Rolle ähnlich gedacht sein wie Lexus bei Toyota oder Denza bei BYD: als Premium-Ableger, der neue Kundengruppen erschließt, ohne die Kernmarke zu überdehnen. Leapmotor selbst hat sich zu den Berichten bislang nicht offiziell geäußert.
Vom Preis-Leistungs-Anbieter zum Premium-Angreifer?
Dass Leapmotor diesen Schritt überhaupt in Erwägung zieht, hat viel mit der jüngsten Geschäftsentwicklung zu tun. 2025 war für das Unternehmen das bislang stärkste Jahr seiner Geschichte. Mit 596.600 ausgelieferten Fahrzeugen setzte sich Leapmotor an die Spitze der neuen chinesischen E-Auto-Marken. Der Umsatz stieg auf 64,73 Milliarden Yuan – umgerechnet rund 8,1 Milliarden Euro. Das entspricht einem Plus von 101,3 Prozent.
Noch wichtiger: Zum ersten Mal schrieb Leapmotor auf Jahressicht schwarze Zahlen. Der Nettogewinn lag bei 540 Millionen Yuan, also bei etwa 68 Millionen Euro.
Auf den ersten Blick klingt das nach einem klaren Durchbruch. Auf den zweiten Blick zeigt sich allerdings auch, wie eng die Margen sind. Pro verkauftem Fahrzeug blieben Leapmotor rechnerisch nur rund 905 Yuan Nettogewinn. Das sind gerade einmal etwa 114 Euro pro Auto. Diese Zahl macht deutlich: Der Erfolg basiert nicht auf hohen Aufpreisen oder exklusiver Markenstrahlung, sondern auf Größe, Effizienz und sehr konsequenter Kostenkontrolle.
Genau hier beginnt die strategische Logik hinter dem möglichen Premiumschritt. Wer es schafft, mit hohen Stückzahlen und niedrigen Margen profitabel zu werden, stellt sich zwangsläufig die nächste Frage: Wie lässt sich die Wertschöpfung pro Fahrzeug erhöhen?
Warum Leapmotor nach oben will
Leapmotor steht vor einer typischen Herausforderung wachsender Automobilmarken. Die Hauptmarke ist stark im Volumenmarkt, vor allem im Preisbereich zwischen 100.000 und 200.000 Yuan. Umgerechnet entspricht das etwa 12.500 bis 25.000 Euro. Dort steht Leapmotor für ein sehr gutes Verhältnis aus Ausstattung, Technik und Preis.
Diese Positionierung ist ein großer Vorteil – aber sie setzt auch Grenzen.
Denn Markenbilder sind hartnäckig. Wer über Jahre als besonders vernünftige, preisbewusste Alternative wahrgenommen wird, kann nicht ohne Weiteres ein Fahrzeug für mehr als 300.000 Yuan verkaufen. Diese Schwelle entspricht zwar nur rund 38.000 Euro. Doch genau hier ist die Einordnung wichtig: In Deutschland bekommt man für rund 38.000 Euro noch kein typisches Elektroauto aus dem Premiumsegment von BMW, Mercedes-Benz oder Audi. Ein Audi Q4 e-tron liegt aktuell eher ab rund 47.500 Euro, ein Mercedes-Benz EQA bei gut 50.000 Euro, ein BMW iX1 ebenfalls ungefähr in diesem Bereich.
Für deutsche Leser klingt ein Preis oberhalb von 38.000 Euro deshalb vielleicht nicht sofort nach Luxusklasse. Im chinesischen Kontext ist dieser Bereich aber ein klarer Schritt aus dem Volumenmarkt heraus. Es geht weniger um einen direkten Euro-zu-Euro-Vergleich, sondern um die Positionierung innerhalb des jeweiligen Marktes.
Die entscheidende Frage lautet also: Würden Kunden für ein Auto mit Leapmotor-Logo plötzlich deutlich mehr bezahlen?

Genau deshalb ergibt eine zweite Marke Sinn. Sie erlaubt es dem Unternehmen, den Premiumanspruch aufzubauen, ohne die Glaubwürdigkeit der Hauptmarke zu gefährden. Leapmotor muss also nicht versuchen, seine bestehende Marke künstlich nach oben zu ziehen. Stattdessen könnte eine neue Marke gezielt für höhere Preise, gehobenere Erwartungen und ein exklusiveres Kundenerlebnis stehen.
Dazu passt auch das ambitionierte Ziel für 2026: Leapmotor will eine Million Fahrzeuge verkaufen und den Nettogewinn auf 5 Milliarden Yuan steigern. Das wären umgerechnet rund 627 Millionen Euro. Allein über noch mehr Stückzahl lässt sich dieser Sprung kaum erreichen. Dafür braucht es Fahrzeuge mit höherem Wertbeitrag – und genau das bietet das Premiumsegment.
Das Fundament: Geld, Technik und globale Ambitionen
Ein Premiumvorstoß ist teuer. Neue Marke, neue Modelle, eigener Vertrieb, besserer Service, hochwertigere Materialien, stärkere Software, mehr Imageaufbau – all das kostet Zeit und Kapital. Leapmotor geht diesen Schritt aber nicht aus einer Schwäche heraus, sondern aus einer Phase relativer Stärke.
Ende 2025 verfügte das Unternehmen über liquide Mittel von 37,88 Milliarden Yuan. Das entspricht grob 4,75 Milliarden Euro. Gleichzeitig waren operativer Cashflow und freier Cashflow positiv. Das verschafft Leapmotor strategischen Spielraum. Anders als manche Wettbewerber muss der Hersteller nicht unter Verlustdruck in neue Segmente flüchten, sondern kann den Aufbau einer Premiummarke langfristiger planen.
Ein zweiter wichtiger Baustein ist die starke vertikale Integration. Leapmotor entwickelt und fertigt rund 65 Prozent seiner Kernkomponenten selbst – darunter elektrische Antriebe, Batterien, Steuergeräte, Lichttechnik und Sitze. Was lange als kostspieliger Sonderweg galt, zahlt sich nun aus: Das Unternehmen kann Kosten, Technik und Systemintegration besonders eng steuern.
Mit der 2025 vorgestellten LEAP-3.5-Architektur verfügt Leapmotor zudem über eine moderne technische Basis. Dazu gehören eine zentrale Steuerungsarchitektur, eine 800-Volt-Plattform und die CTC-2.0-Technologie, bei der Batterie und Fahrzeugstruktur enger miteinander verbunden werden. Für Premiumfahrzeuge ist das entscheidend, denn dort zählen nicht nur Preis und Reichweite, sondern auch Ladeleistung, Komfort, Softwareintegration und intelligente Fahrfunktionen.
Internationalisierung als Imagefaktor
Ein weiterer Vorteil ist die Partnerschaft mit Stellantis. Über das Joint Venture Leapmotor International treibt der Hersteller seine Expansion außerhalb Chinas voran. Das Modell dahinter: chinesische Technologie kombiniert mit lokaler Markterschließung durch einen etablierten globalen Autokonzern.
Leapmotor ist inzwischen in 35 Ländern und Regionen vertreten – darunter Europa, der Nahe Osten, Afrika, Asien-Pazifik und Südamerika. Weltweit soll es mehr als 1.800 Vertriebs- und Servicestandorte geben, davon über 800 außerhalb Chinas. Für 2026 sind mehr als 1.000 Auslandsstandorte geplant. Auch lokale Produktion in Spanien und Malaysia sind vorgesehen. Ein weiterer Vorteil ist die zunehmende Präsenz in Europa. Laut einer offiziellen Leapmotor-Pressemeldung baut die Marke ihr europäisches Händler- und Servicenetz deutlich aus und verweist bereits auf mehr als 800 Verkaufs- und Servicestandorte in Europa. Möglich wird dieses Wachstum auch durch die Einbindung in das Stellantis-Ökosystem, das Leapmotor beim Vertrieb und Service außerhalb Chinas unterstützt.
Für den Premiumanspruch ist diese Internationalisierung mehr als nur ein Absatzkanal. Sie stärkt die Wahrnehmung als global denkende Automarke. Wer Fahrzeuge erfolgreich in unterschiedlichen Märkten verkauft, Service aufbaut und lokale Anforderungen erfüllt, gewinnt an Glaubwürdigkeit – auch im gehobenen Segment.
Die D-Serie als Testlauf für höhere Preise
Bevor Leapmotor eine eigenständige Premiummarke oberhalb von 300.000 Yuan startet, nähert sich die Hauptmarke bereits schrittweise an höhere Segmente an. Für 2026 sind unter anderem die Modelle A05, A10, D19 und D99 geplant. Besonders die D-Serie spielt dabei eine strategische Rolle.
Der D19 ist als großer, technisch anspruchsvoller Luxus-SUV positioniert und soll sowohl als Range-Extender als auch als reines Elektroauto angeboten werden. Der D99 wiederum wird als erster größerer Premium-MPV von Leapmotor beschrieben – mit Ausstattungsmerkmalen wie Zweikammer-Luftfederung und adaptiver Dämpfung.
Diese Modelle dienen als Brücke. Sie sollen Leapmotor in den Preisbereich zwischen 200.000 und 300.000 Yuan führen. Das entspricht grob 25.000 bis 38.000 Euro. In Deutschland wäre das eher der Bereich gut ausgestatteter Kompakt- und Mittelklassefahrzeuge oder günstigerer Elektro-SUV. In China bedeutet dieser Schritt für Leapmotor aber bereits eine deutliche Annäherung an gehobenere Kundengruppen.
Gleichzeitig sammelt das Unternehmen damit wichtige Erfahrungen: Wie reagieren Kunden auf teurere Fahrzeuge der Marke? Welche Erwartungen haben sie an Beratung, Auslieferung, Service und Ausstattung? Und wie gut funktioniert das bekannte Leapmotor-Prinzip „viel Technik für vergleichsweise wenig Geld“ in höheren Preisregionen?
Der schwierigste Gegner ist das Markenimage
Trotz aller Stärken bleibt die Herausforderung groß. Das Premiumsegment ist kein leeres Feld, sondern einer der härtesten Automärkte überhaupt. In China treffen dort etablierte deutsche Marken wie BMW, Mercedes-Benz und Audi auf starke einheimische Herausforderer wie Li Auto, AITO oder NIO.
Jeder dieser Anbieter besitzt eine eigene Erzählung. Die deutschen Marken stehen für Tradition, Status und jahrzehntelange Premiumkompetenz. Li Auto hat sich stark über Familiennutzen und große SUV positioniert. AITO profitiert von der Technologie- und Markenstrahlung Huaweis. NIO wiederum hat mit Service, Community und Batteriewechsel ein eigenes Ökosystem aufgebaut.
Leapmotor kann diesen Wettbewerb nicht allein über „mehr Ausstattung zum besseren Preis“ gewinnen. Im Premiumsegment reicht ein starkes Datenblatt nicht aus. Kunden erwarten ein überzeugendes Gesamtpaket aus Produkt, Marke, Service, Design, Komfort, Technologie und emotionaler Aufladung.
Genau das ist die größte Aufgabe: Leapmotor muss erklären, warum ein Kunde, der bisher vielleicht BMW, Mercedes, Audi, NIO oder Li Auto in Betracht gezogen hätte, plötzlich eine neue Premiummarke aus dem Leapmotor-Kosmos wählen sollte.
Premium braucht Geduld
Die Automobilgeschichte zeigt: Premium entsteht nicht über Nacht. Lexus brauchte viele Jahre, um sich in den USA als ernstzunehmende Luxusmarke zu etablieren. Auch Denza musste lange experimentieren, bevor die Marke unter BYD deutlich an Fahrt gewann.
Für Leapmotor bedeutet das: Ein gutes Auto allein wird nicht reichen. Das Unternehmen muss exklusive Vertriebskanäle aufbauen, Serviceprozesse perfektionieren, eine hochwertige Kundenerfahrung schaffen und über Jahre ein konsistentes Markenbild entwickeln. Dazu kommt der Spagat mit der Hauptmarke, die parallel weiter Richtung eine Million Fahrzeuge wachsen soll.
Diese Doppelbelastung ist nicht zu unterschätzen. Eine Volumenmarke effizient zu skalieren und gleichzeitig eine Premiummarke von Grund auf aufzubauen, verlangt enorme organisatorische Disziplin. Ressourcen, Managementaufmerksamkeit und Kapital müssen sehr genau verteilt werden.
Trotzdem: Die Chancen sind real
Leapmotor geht diesen Weg nicht unvorbereitet. Das Unternehmen hat bewiesen, dass es Kosten kontrollieren, große Stückzahlen verkaufen und profitabel wachsen kann. Es verfügt über eine solide technologische Basis, eine wachsende internationale Präsenz und erste Produkte, die sich an höhere Marktsegmente herantasten.
Besonders interessant ist die mögliche Positionierung: Leapmotor könnte versuchen, Premium nicht über maximale Exklusivität zu definieren, sondern über ein neues Preis-Leistungs-Verhältnis im gehobenen Segment. Also: viel Komfort, starke Technik, moderne Software und hochwertige Ausstattung – aber zu einem Preis, der unterhalb vieler etablierter Premiumanbieter liegt.
Aus deutscher Sicht wäre genau das der spannende Punkt. Ein chinesisches Fahrzeug für umgerechnet rund 38.000 Euro mag nicht direkt nach Oberklasse klingen. Wenn es aber Ausstattung, Raumangebot und Technik bietet, für die bei deutschen Premiumherstellern schnell 50.000 Euro oder mehr fällig werden, entsteht eine klare Kampfansage: nicht unbedingt Luxus im klassischen Sinn, sondern ein rationaler Premiumanspruch mit aggressiver Preispositionierung.
Ob das reicht, um BMW, Mercedes-Benz und Audi direkt herauszufordern, bleibt offen. Aber der Ansatz passt zur DNA des Unternehmens. Leapmotor müsste nicht zu einer klassischen Luxusmarke werden. Es könnte stattdessen eine neue Art von rationalem Premium anbieten: technisch stark, preislich diszipliniert und international anschlussfähig.
Fazit: Kein Sprung ins Ungewisse, sondern ein kalkulierter Aufstieg
Der mögliche Schritt in den Premiummarkt ist für Leapmotor keine Laune des Erfolgs, sondern eine nachvollziehbare strategische Weiterentwicklung. Die Hauptmarke hat im Volumenmarkt bewiesen, dass sie funktionieren kann. Nun braucht das Unternehmen höhere Margen, stärkere Markenwirkung und mehr Wert pro Fahrzeug.
Die Risiken sind erheblich. Premiumkunden lassen sich nicht allein mit guten Spezifikationen überzeugen. Markenvertrauen, Servicequalität und emotionale Strahlkraft müssen über Jahre aufgebaut werden. Doch Leapmotor bringt mehr Voraussetzungen mit, als viele Wettbewerber in vergleichbaren Situationen: Profitabilität, Cashflow, technische Eigenständigkeit, internationale Partner und eine klare Produktstrategie.
Ob daraus tatsächlich ein ernstzunehmender Angriff auf BMW, Mercedes-Benz und Audi wird, entscheidet sich nicht mit dem ersten Modell der neuen Marke. Entscheidend wird sein, ob Leapmotor aus seiner Stärke im Preis-Leistungs-Segment eine glaubwürdige Premiumgeschichte formen kann.
Wenn das gelingt, könnte aus dem chinesischen Volumenaufsteiger tatsächlich ein neuer Herausforderer im gehobenen E-Auto-Markt werden – nicht unbedingt, weil Leapmotor teurer und exklusiver sein will als die deutschen Premiumhersteller, sondern weil die Marke versuchen könnte, deren Preis-Leistungs-Verhältnis neu herauszufordern.



